Karin van den Walle entwickelt eine eigenständige, materialbewusste Formensprache an der Schnittstelle von Keramik, Skulptur und Assemblage. Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Praxis ist die intensive Auseinandersetzung mit Ton, die sie bereits während ihres Studiums an der Akademie prägte. Aus dem Wunsch heraus, die Möglichkeiten des Materials über die Grenzen klassischer Keramik hinaus zu erweitern, entwickelte sie eine eigene Paperclay-Mischung und begann früh, unterschiedliche Materialien und Techniken miteinander in Beziehung zu setzen.
Im Zentrum ihrer Arbeiten steht dabei stets das Material selbst – seine Haptik, seine Geschichte und die Spuren, die der Entstehungsprozess hinterlässt. Ton, Paperclay, gegossener Marmor und 3D-Druck treffen auf recyceltes Glas, Metall, Textilien und gefundene Objekte. Ausgediente Vasen und dekorative Elemente werden nicht verworfen, sondern in neue skulpturale Zusammenhänge überführt. Van den Walle versteht Recycling dabei nicht allein als nachhaltige Praxis, sondern als künstlerisches Prinzip der Transformation: Vorhandene Dinge erhalten eine neue Bedeutung und tragen zugleich ihre eigene Geschichte in die entstehende Arbeit hinein.
Charakteristisch für ihre Skulpturen ist die Verbindung von traditionellem Kunsthandwerk und zeitgenössischer Materialästhetik. Techniken wie Häkeln, Sticken oder die Verarbeitung von Ornamenten begegnen keramischen Formen, selbst geschmolzenem Glas und modernen Fertigungstechniken. Gerade aus diesem Spannungsverhältnis zwischen dem Handgemachten und dem industriell beziehungsweise digital Produzierten entsteht die besondere visuelle Qualität ihrer Arbeiten. Van den Walle bewahrt dabei bewusst Techniken, die in einer zunehmend digitalisierten Welt an Bedeutung zu verlieren drohen, und überführt sie in eine zeitgenössische Bild- und Formensprache.
Inhaltlich schöpft van den Walle aus einer Vielzahl visueller Quellen: aus der Bewegung und Proportion des menschlichen Körpers, aus organischen Mustern der Natur, aus der Architektur und ihren geometrischen Ordnungen ebenso wie aus der allgegenwärtigen Bilderwelt der Medien- und Konsumkultur.